Ein Mal ist einmal zuviel

Ein kaltes Klirren durchdrang die morgendliche Stille im Salon, als die Tasse aus Meissner Porzellan auf ihren Untersatz aufschlug. Und unaufhaltsam drang der heisse Kaffee durch den Stoff des Rockes und das feine Nylon der Strumpfhose auf Angelikas Oberschenkel. Aber sie schien den Schmerz nicht zu spüren. Wie gelähmt starrte sie auf den Brief, der mit der Morgenpost gekommen war. Auf einen Schlag war alles wieder da: der Schmerz, die Wut, die Scham, und diese schreckliche, alles durchdringende Angst. Und dabei hatte sie doch geglaubt, nach Jahren ständigen Bangens, endlich vergessen zu können.

Zwischenablage01Bild von cotswoldcollections

Zehn Jahre waren vergangen seit diesem Kongress in Mailand. Angelika war damals eingeladen, als junge Privatdozentin einen Vortrag zu halten. Es war ein Meilenstein in ihrer Karriere. Wochenlang hatte sie sich darauf vorbereitet. Ihre ganze Familie hatte sie unterstützt und ihr Mann hatte sich liebevoll um die Kinder gekümmert, um ihr den Rücken frei zu halten. Es war die grosse Chance. Und Angelika war brillant.

Dann, am Abend nach dem Vortrag, kam das grosse Galadiner im Hotel. Angelika war im siebten Himmel, völlig erschöpft, aber grenzenlos glücklich. Endlich nach Wochen der Anspannung konnte sie loslassen und geniessen. Ein Gläschen Champagner hier, ein Tänzchen da. Die Reihe der Kollegen, die ihr ihre Anerkennung bekunden wollten, schien kein Ende zu nehmen. Und ganz allmählich wurde das Diner zur Party, die Musik lauter, die Drinks stärker. Und dann, mitten auf dem Dancefloor, stand er plötzlich vor ihr. Sie konnte sich im Nachhinein nicht erinnern, ihn vorher schon gesehen zu haben. Und doch hatte sie das Gefühl, ihn seit je her zu kennen. Als sie zwei Stunden später vom Tanzen erschöpft im Aufzug nach oben fuhren, verschmolzen ihre Lippen, während seine Hand unter ihrem Kleid nach dem verschwitzten Höschen tastete. Er war gut, und Angelika war reif. Es sollten die verrücktesten Stunden ihres Lebens sein, bis zur völligen Erschöpfung.

Als sie wieder zu sich kam, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Aber der Versuch einer Frage blieb ihr im wahrsten Sinne des Wortes im Mund stecken. Sie lag nackt ausgestreckt auf ihrem Bett, Hände und Füsse am Bettrahmen festgebunden mit je einem abgeschnittenen Bein ihrer Strumpfhose. Der Rest steckte in ihrem Mund, fixiert durch ihr Hermes-Tuch, das sich schmerzhaft in ihre Mundwinkel presste. Angelika glaubte erst an einen Scherz. Aber ihr Diamantring war vom Finger verschwunden und auch der Bügel, an dem ihre Pelzjacke gehangen hatte, hing verwaist an der Garderobe. Vier quälende Stunden hatte sie Zeit, sich über das Ausmass ihrer Situation bewusst zu werden. Dann endlich wurde sie von einem Zimmermädchen gefunden. Es war nicht ganz leicht, das Mädchen davon abzubringen, die Polizei zu verständigen. Aber irgendwie gelang es Angelika, die Kontrolle über die Situation zurückzubekommen. Und weder ihr Mann noch die Versicherung hatten einen Grund daran zu zweifeln, dass die Tasche mit ihrer Pelzjacke, ihrem Schmuck und dem ganzen Bargeld im Zug von Mailand nach Bern verschwunden war.

Angelikas Hände zitterten und die handgeschriebenen Zeilen auf dem billigen Briefpapier verschwammen vor ihren Augen: „Gentilissima professoressa, … habe Sie im Fernsehen gesehen… sich erinnern?… Mutter krank… geschieden, kein Geld für Schule von Kinder … 50‘000 Euro reichen… „. Angelikas Beine gaben nach, als sie aufstehen wollte. Sie musste sich am Tisch festhalten. Dann zog sich ihr Magen zusammen. Die Hand vor den Mund gepresst torkelte sie durch den Salon ins Foyer. Die teure Vase mit den frischen Rosen ihres Mannes zerschlug hinter ihr auf dem Boden, als sie die Tür zum Bad aufstiess. Gerade mal zwei Meter hätten ihr gefehlt bis zur Schüssel.

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3 Gedanken zu “Ein Mal ist einmal zuviel

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