Blindes Glück

Marlene war total glücklich. Wie hätte sie auch nicht glücklich sein können?

Zwischenablage02Bild von Mona Damenmode

Aufgewachsen in den Plattenbauten von Chemnitz, war sie vor zehn Jahren als Krankenschwester in die Schweiz gekommen. Zwei Jahre später heiratete sie den stellvertretenden Abteilungsleiter der Chirurgie und lebte seither mit ihm und ihrer gemeinsamen Tochter Mia im prächtigen Haus ihrer Schwiegermutter an der Goldküste. Die Umgebung war anfänglich schon ungewohnt und Marlene brauchte eine gewisse Zeit um zu begreifen, was von ihr erwartet wurde. Aber sie war es gewohnt, sich anpassen zu müssen. Statt bequemen Jeans und knappen T-Shirts trug sie plötzlich elegante Stoffhosen und exquisite Kaschmir-Twinsets, seidene Blusen und plissierte Röcke. Ihre alten Wollhandschuhe mussten eleganten Lederhandschuhen weichen und anstelle ihres abgetragenen Arafat-Tuches zierten edle Hermes-Tücher und Perlenketten ihren Hals. Dem Beispiel ihrer Schwiegermutter folgend begann sie, die Jacken ihrer Twinsets um die Schultern drapiert zu tragen. Das fühlte sich zwar seltsam an und sie sah nie wirklich ein, wozu das gut sein sollte. Aber angesichts der strahlenden Augen ihres Mannes erübrigte sich jedes weitere Fragen. Laura, ihre beste Freundin aus der Zeit im Krankenhaus, glaubte zwar ihren Augen nicht zu trauen, als Marlene in einem rosa Kaschmir-Twinset mit umgelegter Strickjacke zum Rendezvous im Café Lang erschien. Was denn um Himmels Willen mit ihr geschehen sei, sie sehe aus wie ihre Oma. Das war drei Jahre her und seither haben sie sich nicht mehr wiedergesehen.

Das lag natürlich auch daran, dass Marlene voll und ganz davon eingenommen war, das Beste für ihre kleine Tochter Mia zu wollen. Sie sollte es besser haben als ihre Mutter, die damals in Chemnitz immer wieder auf dem Weg zur Schule von den anderen Kindern gemobbt und verprügelt wurde. Die Erinnerung daran quälte sie noch heute, wenn sie am Steuer ihres Ford Explorers vor dem Eingang zum Kindergarten wartete. Umso mehr genoss sie das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, wenn sie hinter der Windschutzscheibe ihres Wagens den anderen Müttern zuschaute, die sich wartend vor dem Kindergarten tummelten und gelegentlich mit ausdrucksloser Miene zu ihr herüberschauten. Und eine diffuse Mischung aus Mitleid und Verachtung überkam sie, wenn sie daran dachte, was ihre Schwiegermutter über manche dieser Frauen erzählt hat: getrennt, geschieden, geschlagen, arbeitslos, alleinerziehend, alkoholabhängig und depressiv. Was für ein unbeschreibliches Glück sie doch hatte, ihrer Tochter all diese Widrigkeiten des Lebens ersparen zu können!

Nur dann und wann, wenn ihr Mann auf Dienstreise war, was in letzter Zeit immer öfter vorkam, vernahm ihre Schwiegermutter leises Schluchzen, wenn sie spät nachts an Marlenes Tür lauschte. Sie wusste genau, was in der jungen Frau vorging. Doch es sollte ihr Geheimnis bleiben.

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