Mädchen vom Land

Es war wie früher, das Zwitschern der Vögel, der Geruch der Blumen und Felder, das Zirpen der Grillen und das leise Knarren des alten Apfelbaumes, wenn die festen Stricke im Rhythmus der Schaukel an dem dicken Ast zogen. In diesem Moment war Linda glücklich, zum ersten Mal seit langem.

Bild 2Bild von Frankonia

Hier auf dem Land, weit weg vom Lärm und der Hektik der Stadt war sie aufgewachsen, zusammen mit ihrer jüngeren Schwester und ihrem kleinen Bruder. Ihre Eltern waren einfache Bauern und Linda war schon als Kind gewohnt, neben der Schule auf dem Hof mitzuhelfen. Sie war ein robustes und fröhliches Mädchen mit einem stets kunstvoll geflochtenen Haarzopf und einem zum Burschikosen neigenden Temperament. Und sie liebte es, abends unter dem Apfelbaum auf der Schaukel zu sitzen und sich die kühle Abendluft um die glühenden Wangen streichen zu lassen.

Vor zehn Jahren, an ihrem 16. Geburtstag, schickten ihre Eltern sie zu ihrer Tante in die Stadt. Diese besass ein eigenes kleines Modegeschäft und hatte seit langem darauf gedrängt, dass das Mädchen endlich aus ihrem ländlichen Dorf herauskommt und das richtige Leben kennenlernt. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, aus dem bäuerlichen Aschenputtel eine moderne junge Frau zu machen. Nachdem die Tränen des Heimwehs allmählich versiegt waren, ergab sich Linda in ihr Schicksal, was ihr insofern leicht fiel, als sie tatsächlich ein ausserordentlich begabtes und attraktives Mädchen war. Nach und nach fand sie Gefallen an ihrer neuen Welt, an teuren Kleidern und Röcken, feinen Nylonstrümpfen und seidenen Slips, an edlen Parfüms, eleganten Blusen und weichen Kaschmir-Jacken.

Nach fünf Jahren verstarb ihre Tante unerwartet. Linda übernahm ihr Geschäft und nur ein Jahr später heiratete sie einen aufstrebenden Geschäftsmann. Linda war die glücklichste Frau der Welt, bereit fürs erste Kind. Dann kam die Bankenkrise. Von einem Tag auf den andern stand ihr Mann auf der Strasse. Vergebliches Hoffen und Warten, Depression, Alkohol, und dann dieses weisse Pulver auf der Toilette. Linda hatte es schon früher gesehen, auf Partys. Aber noch nie zuhause…

Dass Klingeln ihres Natels riss Linda brutal aus ihrem nostalgischen Glücksgefühl. Und plötzlich war es wieder da, das ganze Elend, die Trauer, die Wut, und diese völlige Perspektivlosigkeit. Immer heftiger begann sie an den Seilen der Schaukel zu ziehen. Stück für Stück schwang sie sich weiter in die Höhe, als ob sie mit Gewalt die verlorene Idylle wiederfinden wollte. Die weiche Kaschmir-Jacke war ihr schon lange von den Schultern geglitten und lag zusammen mit der Handtasche und ihren Schuhen unter ihr auf der Wiese. Und über ihr knarrte der Baum beängstigend ob der verzweifelten Last, die an ihm zerrte.

Es wurde schon dunkel, als Lindas Schwester sie fand, leise schluchzend, ausgestreckt im Gras unter der sanft ausschwingenden Schaukel.

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