Schmetterling im Bauch

Juliane musste plötzlich über sich selber lachen. Irgendwie kam sie sich vor wie ein Teenager.

Bild1Bild von Cornelia Damemode

Eine Woche ist es her, seit dieser charmante, junge Student ihr Büro betrat, um in ihrer Abteilung sein Ferienpraktikum anzutreten. Sie hatte bisher nur seine Stimme am Telefon und ein eher unscheinbares Foto auf seiner Bewerbungsunterlage gekannt. Umso grösser war die Überraschung, als sie plötzlich diesem gross gewachsenen jungen Mann gegenüberstand. Obwohl er sie um fast einen Kopf überragte, war er sichtlich nervös und strahlte diesen Hauch von gehemmter Unsicherheit aus, der für junge Männer seines Alters so typisch war. Gleichzeitig ging von ihm eine eigentümliche Kraft aus, die Juliane unmittelbar berührte. Der junge Mann hatte sich einen dunkelblauen Kaschmir-Cardigan elegant um die aufrechten Schultern drapiert, was seiner Erscheinung eine reizvolle Spannung aus selbstbewusster Eigenständigkeit und femininer Verletzlichkeit verlieh. Entgegen ihrer ursprünglichen Absicht hatte sich Juliane damals spontan entschieden, die Zeit zu nehmen, dem jungen Praktikanten persönlich die Mitarbeiter und Räumlichkeiten der Arbeitsgruppe vorzustellen.

Es war lange her, seit sie ihn zum letzten Mal gespürt hatte, diesen stechenden Schmerz in der Seele. Doch nun war er plötzlich da, wie aus heiterem Himmel, nagend, quälend, in unbestreitbarer Deutlichkeit. Sie hatte wunderschön gewelltes, braunes Haar und trug ein langes, geblümtes Sommerkleid. Sie fiel Juliane sofort auf, als sie zögernd mit suchendem Blick die Betriebskantine betrat. Und als ob sie es geahnt hätte, strahlte das Gesicht der jungen Frau auf, als sich der Praktikant freudig winkend von seinem Platz am Fenster erhob, wo er alleine auf jemanden zu warten schien.

„Juliane, bist du ok?“ hörte sie plötzlich die besorgte Stimme ihrer Arbeitskollegin, die sich für eine Tasse Kaffee zu ihr an den Tisch gesetzt hatte. Ja, sie war ok, sagte sich Juliane, als sie sich kurz darauf im Spiegel der Damentoilette betrachtete. Verletzt und gekränkt wie ein verliebter Teenager, aber ok! Jetzt wieder ok! Sie wusste nicht recht ob sie über sich selber lachen oder weinen sollte. Hatte sie es wirklich nicht gecheckt? Oder wollte sie es einfach nicht wahrhaben? Oder war es einfach zu schön, zu aufregend, zu belebend in der allmählichen Routine von zwölf Jahren Ehe mit einem liebevollen Mann und zwei wunderbaren Kindern? Langsam zog Juliane ihr Telefon aus der Tasche und wählte die bekannte Nummer. Und ein tiefes Glücksgefühl überkam sie, als sie am andern Ende die vertraute Stimme ihres Mannes vernahm. „Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich liebe. Und ich freue mich auf heute Abend!“, sagte sie. Dann wischte sie sich eine Träne aus den Augen, zog die Jacke ihres Twinsets um die Schultern zurecht, und als sie zu ihrem Tisch zurückkam, stand plötzlich der junge Praktikant und seine Begleiterin vor ihr:

„Entschuldigen sie, Juliane, darf ich ihnen meine Schwester Sandra vorstellen?“

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